Samstag, 3. August 2013

Feuer und Eis

Island ist als die Insel aus Feuer und Eis bekannt und genau das wollte ich sehen. Auf zum "Goldenen Kreis" also, dem ersten Anlaufpunkt aller Islandurlauber außerhalb von Reykjavik. Um zumindest irgendetwas anders zu machen als die Masse der Touristen, wählte ich immerhin ein anderes Transportmittel: Mr. Daumen. Der Zauberdaumen hatte mir in Neuseeland schließlich schon aus der Patsche geholfen und nun hatte er die Chance sich auf der Nordhalbkugel zu beweisen. Und wenn schon nicht in Island, dem Land mit der geringsten Kriminalitätsrate der Welt und Wasser ringsherum, wo zur Hölle sollte man sonst gut per Anhalter reisen können?

Gesagt, getan. Meine Bemühungen aus Reykjavik herauszukommen wurden von Tómas, Exilpole, Wahlisländer und der erste, der mich mitnahm, mit Gelächter kommentiert. Ich stünde an der völlig verkehrten Straße und dann auch noch in der falschen Richtung. Aha, das kommt also dabei heraus, wenn man versucht über den Kartenrand der begrenzten Stadtkarte hinaus zu extrapolieren. Netterweise versorgte er mich nicht nur mit einer weitaus besseren Karte, sondern fuhr mich gleich auch noch ein ganzes Stückchen in die richtige Richtung, um mich an einem strategisch günstigen Platz auszusetzen. Der Platz war so günstig, dass es keine drei Minuten dauerte bis mich zwei Schweizerinnen einsammelten, beide Islandpferdeliebhaberinnen und auf dem Weg zu einer Freundin, ebenfalls Islandpferdeliebhaberin und außerdem im Besitz ebensolcher. Auf dem Weg wollten sie noch kurz Þingvellir einen Besuch abstatten - wie ich auch. Der Ort mit dem komischen Buchstaben wird Thingwedlir (mit englischen "th") ausgesprochen und ist der Ort eines der ältesten Parlamente der Welt, bei dem sich die Stammesanführer aus allen Teilen des Landes regelmäßig trafen und Gesetze beschlossen. Für diesen historisch bedeutsamen Platz suchten sie sich ausgerechnet ein auch geologisch spannendes Gebiet aus, nämlich das normalerweise tief im Ozean verborgene Riftsystem an dem die amerikanische und europäische Kontinentalplatte auseinanderdriften und das hier an Land zu sehen ist. Ob die das wohl geahnt haben, die alten Wikinger? 
Am Aussichtspunkt angekommen erstreckte sich vor mir eine weite grüne Ebene mit vielen kleinen Flüsschen, Gräben, Furchen und Klüften und dem angrenzenden See Þingvallavatn. Ich wanderte eine Runde durch die Gegend, bestaunte den mit Geldmünzen bedeckten Boden in der Peningagjá (Geldspalte), die klitzekleine Kirche Þingvallakirkja und den rauschenden Öxarárfoss, einen kaskadenartig herabstürzenden Wasserfall.



Weiter ging es zum nächsten Punkt des "Goldenen Kreises", der von Barry und Becky im nächsten mitfühlenden Auto in das "Goldene Dreieck" umgetauft wurde. Das englische Pärchen hatte gerade Job und Sesshaftigkeit an den Nagel gehängt um mit unbestimmten Ende über Island nach Alaska, Kanada, USA und weiter gen Süden zu reisen. Für die nächste Stunde war jedoch erstmal nur Geysir angesagt. und zwar DER Geysir, Namengeber aller Geysire dieser Welt. Leider spuckt er seit 2000 nur noch sporadisch Wasser in die Luft, weshalb sich die Tourischaren stattdessen auf Strokkur stürzen, der alle 6-10 Minuten für Spektakel sorgt und damit deutlich zuverlässiger ist. Das Ergebnis war eine enorm kurze aber in der Höhe ziemlich ordentliche Fontäne. Wie an allen drei Stationen des Kreises, Dreiecks, halben Sechsecks oder wie auch immer, war auch hier das Phänomen zu beobachten, dass nach einer langen Fahrt durch absolut menschenleere, unglaublich weite und schier endlose Landschaften aus dem Nichts eine plötzliche Ansammlung von Menschen, Autos und Bussen auftaucht, die genauso schnell verschwunden ist, wenn man wieder weiterfährt. Es hat fast etwas gespenstisches.

"B & B" fuhren mit mir dann auch gleich weiter zum Gullfoss (sprich: Güdlfoss), ein riesiger breiter Wasserfall, der in zwei Etappen mit donnerndem Getöse in eine Schlucht stürzt. Dank Sonnenschein überspannte ihn ein in allen Farben funkelnder Regenbogen und das aufstiebende Wasser glitzerte wie Silbertropfen in der Luft. Fast genauso gut waren die amüsanten Versuche vieler Touristen, gleichzeitig ihre teure Fotoausrüstung vor dem Wasser zu schützen und möglichst gute Fotos zu machen, resultierend zumeist in merkwürdigen Verrenkungen mit der Regenjacke über der Kamera und wüsten Flüchen, weil doch wieder irgendein Zipfel im Bild hing.


Die beiden Engländer nahmen mich netterweise auch noch ein ganzes Stück bis zum nächsten Städtchen (eher Dörfchen) auf der Ringstraße mit. Während sie noch ein ganzes Stück weiter fahren wollten, machte ich es mir in Hella (Hedla) auf einem Campingplatz mit idyllischer Flussaussicht gemütlich und schmökerte in meinem Buch, während mein Abendessen auf dem guten Trangiakocher brutzelte - und natürlich anbrannte, wie immer. Dem großartigen Geschmackserlebnis von Tütennudeln tat das allerdings keinen Abbruch.


Auch am nächsten Tag war mir der Daumen und das Glück hold. Dank gleich zweier französischer Familien landete ich ziemlich schnell und ziemlich fröhlich am Seljalandfoss, ein weiterer Wasserfall, diesmal aber mit dem Extra, dass man hinter ihm durchlaufen kann, was zugegebenermaßen schon ziemlich cool ist. 



Die nächste Etappe bedeutete das nächsthöhere Level in meiner Daumen-Aktion: Man versuche ein Auto zu finden, das einen über eine Schotterstraße mit mehreren Flussquerungen in die totale Wildnis namens Þorsmörk fährt. Level 2 dauerte exakt 5 Minuten, dann hielt bereits ein weiterer Franzose mit geländetauglichem Auto. Pierre ist nicht nur Erdkundelehrer auf La Réunion, sondern auch Hobbygeologe und auf der Suche nach Asche vom Ausbruch des Eyjafjallajökull (sprich: Eyjafjadlajöküdl), die er haben wollte, einfach nur weil es ziemlich cool ist Asche vom Eyjafjallajökull zu haben und sei es auch nur um bei der Gelegenheit damit anzugeben, dass man den Namen richtig aussprechen kann. Eine wilde Fahrt begann mit ziemlichem Gepolter durch das riesige breite Flussbett voller Schotter, durch das sich mehrere kleinere Flüsse schlängelten. Zwischendurch kamen uns Geländewagen entgegen, die direkt dem Film Transformers hätten entstiegen sein können, riesenhafte Geschosse mit Rädern so hoch wie die Seitentür unseres kleinen Autoleins. Den Mangel an Größe versuchte Pierre durch engagiertes Fahren wieder wettzumachen, bis er so engagiert durch einen Fluss fuhr, dass eine volle Woge Flusswasser durch das Beifahrerfenster platschte und ich ziemlich gebadet wurde. Die darauffolgende Woge aus Entschuldigungen, gefolgt von meinem belustigten "Ist doch nicht so schlimm..." ebbte erst ab, als sich das nächste Monster auf vier Rädern von vorne näherte und Pierre sich wieder auf die "Straße" konzentrieren musste.


Irgendwann waren wir dann endlich am Ende der Geröllpiste angelangt, von wo aus der Wanderweg starten sollte, mit dem ich die nächsten zwei Tage verbringen wollte. Mit meinem gefühlt viel zu vollen Rucksack stapfte ich also durchs Gebüsch und über Geröll, immer den Holzpflöcken folgend, die den Pfad markierten. Der kleine Trampelpfad schlängelte sich in immer größeren Höhen am Rand einer Schlucht entlang, von der man eine sagenhafte Aussicht in das Flusstal auf der einen Seite und Gletscher Myrdalsjökull auf der anderen Seite hatte. Unter dem Myrdalsjökull lauert die Katla, einer der aktivsten Vulkane Islands, von dem schon länger vermutet wird, dass er eigentlich mal wieder dran wäre. Direkt daneben, unter dem Gletscher Eyjafjallajökull sitzt, tja, der Eyjafjallajökull. Immerhin erspart uns das einen weiteren unaussprechlichen Namen. 

Weiter ging es über eine Hochebene, dann ein weiterer steiler Anstieg, eine weitere Ebene voller Geröll. Langsam machten die Beine darauf aufmerksam, dass sie sonst mit 15 Kilo weniger unterwegs sind, die nun auf meinem Rücken saßen. Nach einem weiteren Anstieg war mir erstens wieder eingefallen, warum die meisten Leute mit Stöcken wandern, wenn sie viel Gepäck tragen und hatte ich zweitens die Dampfschwaden entdeckt, die in immer kleiner werdender Entfernung vom Gestein aufstiegen. Zwischen den beginnenden Schneefeldern rauchte und qualmte es unaufhörlich und der Boden war wunderbar warm, wenn man die Hand darauflegte. Noch letztes Jahr hat es einigen Wanderern die Rucksäcke geschmolzen, die sie auf dem heißen Grund abgestellt hatten, so erzählte es mit später der Hüttenwirt. Gleich darauf erschienen hinter dem neuen Lavafeld auch Magni und Móði, die zwei neuen Krater, die es erst seit dem Ausbruch 2010 gibt. Wo das Gestein noch warm ist, schmilzt das Eis natürlich umso schneller und so war neben dem Wind ein stetiges Blubbern, Pusten, Plätschern und Knacken zu hören.



Immer weiter ging der Weg im Slalom über rutschige Schneefelder mit teils abenteuerlichen Eisbrücken über die kleinen Eiswasserströme, die talwärts sich ihren Weg bahnten. Irgendwann erreichte ich dann die kleine Hütte am Fimmvörðuháls-Pass, wo ich mit 20 anderen müden Wanderern überwiegend aus Deutschland, aber auch aus den USA, Niederlanden und Dänemark die Nacht verbrachte. Hüttenwirt Uwe ist ebenfalls Deutscher, kommt aber seit Jahren jeden Sommer nach Island, um Hüttenwirt zu spielen. Beim Aufwärmen an einer Tasse Tee und mit etwas Warmem im Magen kursierten allerlei Wandergeschichten und Uwe erzählte natürlich Anekdoten vom Ausbruch: Dass die Hütte nur Asche abgekriegt hat, dass ein frisch gesetzter Markierungspfahl in Flammen aufging, weil das Gestein noch so heiß war, die Sache mit den Rucksäcken, die Pulke von Geologiestudenten, die im Sommer nach dem Ausbruch auf der Hütte nächtigten, von aufgeschmolzenen Schuhsohlen, fehlendem Regenwasser, und und und. Todmüde fielen wir in die Betten. Nur - einer schnarcht immer. Grmpf.

Nach dem Sonnenschein am Vortag war der nächste Tag ein eher weniger schönes Erwachen. Wasser kam zwar keins vom Himmel, aber der Wind heulte um die kleine Hütte. Kaum einen Fuß nach draußen gesetzt, wurde einem die Asche ins Gesicht geschleudert bis sie nicht nur in den Augen saß, sondern auch zwischen den Zähnen knirschte. Eingemummelt in Pulli, Jacke und Mütze und mit dem Rucksack auf dem Rücken stapfte ich langsam den Berg auf der anderen Seite herunter als der, von der ich gekommen war, immer dem Meer entgegen. In meinem Rucksack plätscherte das Wasser in meiner Wasserflasche hin und her und ein bisschen fühlte ich mich wie ein schwankendes Schiff auf Raumkurs, als ich da so langsam hinab wankte und der Wind mich von schräg hinten umpusten wollte. Langsam wurde der Schnee weniger und das Moos mehr, immer wieder Wasserfälle zwischendurch, einer schöner als der andere. Einem Amerikaner auf der Hütte zufolge sind es mindestens 37, so hatte er zumindest auf dem Weg bergauf gezählt. Das Nachzählen sparte ich mir und schoss lieber Fotos. Irgendwann wich das Moos langsam dem Gras, die ersten Schafe tauchten auf und die mir entgegen kommenden Wanderer wurden stetig mehr und hatten stetig kleinere Rucksäcke. Am Ende noch einmal ein riesiger Wasserfall, der Skogarfoss, dann nichts als Ebene mit vielen Autos, Bussen, Menschen.
Huch, hallo Welt, denke ich und pule mir eine Ladung Asche aus den Ohren.




Mittwoch, 31. Juli 2013

Unwirkliches Island

Island! Das Land meiner Träume, endlich komme ich dazu, es mir mal in echt anzuschauen und nicht nur in Gedanken in den Lavafeldern herumzuschweifen. Und Lavafelder gibt es en masse. Der Weg vom Flughafen zur nördlichsten Hauptstadt der Welt führt durch eine wahrhaftige Mondlandschaft, mit nichts als Lavabrocken bis zum Horizont oder zumindest bis zum Meer. Erstaunlich warm war es als ich ankam, 19°C und Sonnenschein, dazu eine steife Brise. Völlig baum- und strauchlos ist die Landschaft – zumindest bis man sich der Stadt nähert. Reykjavik sieht ein wenig so aus, als hätte ein Riese mit eckigen Bausteinen gespielt und sie etwas wahllos in die Lavafelder geworfen. Zwischen ihnen wachsen tatsächlich Gras und Bäume und ein bisschen ist es so wie in jeder anderen Stadt auch, nur dass der Wind so heult, dass man sich nicht sicher ist, ob es die Bäume nur im Windschatten der Häuser überleben oder ob vielleicht die Häuser ohne die Bäume weggepustet würden.

Der Campingplatz hatte noch ein Eckchen für mein kleines Zelt frei und nach einem improvisierten Abendessen und einem Stadtspaziergang stattete ich der “Vulkanshow” einen Besuch ab, ein Filmeabend mit zusammengetragenem Material von Villi Knudsen, begeisterter Vulkanfilmer. Exakt drei Leute hatten Interesse (neben mir noch zwei Belgier), so dass wir a) innerhalb von 3 Minuten unsere Vornamen ausgetauscht, b) innerhalb von 15 Minuten den ersten Brennivin getrunken hatten, isländischen Branntwein, der scherzhaft schwarzer Tod genannt wird und c) 2 Stunden später die isländische Nationalhymne und ein paar weitere Gesangseinlagen von einem reichlich beschwipsten Villi Knudsen junior vorgetragen bekamen. Es folgten philosophische Ausführungen zum Sinn und Unsinn der Geologie im Allgemeinen und dem Weltuntergang im Speziellen,die damit endeten, dass Villi eine nicht brennende Zigarette rauchte, Jun im Sessel einschlief und wir schließlich gegen 1 Uhr morgens im noch und schon Halbhellen zum Zeltplatz zurückkehrten.



Das größte Problem an der Helligkeit war indes nicht, dass ich nicht schlafen konnte, weil es zu hell war, sondern dass ich nicht schlafen konnte, weil meine Zeltnachbarn nicht schlafen konnten. Stattdessen fiel gefühlt dem halben Zeltplatz mitten in der Nacht ein, man könne ja schonmal die Zelte abbauen, mit entsprechender Geräuschkulisse.

Reykjavik zeigte sich am nächsten Morgen etwas kühler, aber genauso herrlich. Herumzulaufen ist in etwa so, als würde man einen Spaziergang durch ein riesengroßes Gewerbegebiet machen. Die Häuser sind entweder modern und sehr eckig oder sehen so aus, als hätte der Zahn der Naturgewalten schon etwas länger an ihnen genagt. Alles ist irgendwie ziemlich auseinandergezogen mit sehr viel Platz, so dass es kein Wunder ist, dass fast alle nur im Auto unterwegs sind. Gott sei Dank rettet das heimelige gemütliche Stadtzentrum den Eindruck. Alles wird überragt von der Hallgrimskirkja, einer großen graune Kirche, an der sich dank ihrer speziellen Architektur die Geister scheiden. Schlicht, hell und meisterhaft gotisch aufwärtsstrebend – sie hat etwas sehr erhabenes und irgendwie auch sehr isländisches.




Etwas, das bei keinem Reykjavik-Besuch fehlen darf, ist ein Besuch der berühmten Blauen Lagune. Diese ist ein von Meerwasser und hydrothermalem Wasser gespeiste Lagune in der Nähe des Flughafens, inmitten von Lavafeldern und so unvergleichlich blau, dass es einem vorkommt, man würde in flüssigem Himmel schwimmen. So sitzt man vergnügt im 37-40°C heißen Wasser und lässt sich den kühlen Wind durch die Haare pusten, schmiert sich mit Schlamm ein, der so wunderbar gegen so ziemlich alles helfen soll, oder lässt sich einfach auf dem Salzwasser treiben, mit Blick in die sich langsam senkende Sonne. Hundemüde und überglücklich klettert man dann irgendwann wieder an die kalte Luft, mit völlig verschrumpelten Fingern und Haaren, die sich so wuschelig und verfilzt anfühlen wie mein neu erstandener Island-Wollpulli.
Ach, Island, ich bin ja jetzt schon völlig hingerissen – wie wird das wohl weitergehen?


Freitag, 7. September 2012

HCMC - potentiell ansteckend

HCMC ist keine tückische Krankheit, aber trotzdem ansteckend, weil es so unglaublich viel zu sehen gibt. Kirchen, Museen, Geschäfte, klein und groß, elegant und teuer oder chaotisch und bunt. Wolkenkratzer, Hochhäuser und kleine Gassen, Häuser, deren Adressen aus drei Hausnummern bestehen. Ein bisschen gefährlich ist es auch, zumindest wenn man auf die Idee kommt zu Stoßzeiten eine Straße überqueren zu wollen. Eine Schnecke, stetig kriechend, käme heil auf die andere Straßenseite - ein Eichhörnchen, abwechselnd flink hüpfend und abrupt stoppend, käme keine drei Meter weit. Links und rechts, vorne und hinten hupen Autos, schieben, drängeln, davor ein Meer von Mopedfahrern, ebenfalls hupend. Alles im Fluss, sehr sehr langsam kriechend, aber niemals stehenbleibend. Wie überquert man hier eine Straße? Wie eine Schnecke kriecht man langsam durch das Meer, immer kontinuierlich, einschätzbar für alle Zwei-, Drei- und Vierradfahrer, darauf vertrauend, dass sie an einem Zusammenstoß genauso wenig interessiert sind wie man selber. Augen zu und durch. Und tatsächlich - landet man heil auf der anderen Straßenseite.

Ho-Chi-Minh-City, so der ausgeschriebene Name von HCMC, wird von allen nur Saigon genannt. Saigon brummt und summt und floriert und einer solchen Stadt kann nicht von einem Tag auf den anderen ein neuer Name aufgedrückt werden. Eine Weltstadt mit 7 Millionen Einwohnern führt ihr eigenes Leben. Mit großen Augen liefen wir durch die Gegend, bestaunten das von Gustave Eiffel entworfene Postamt und die Kathedrale Notre Dame. Très francais, diese Stadt! Ein Rathaus, pompöser denn je, und natürlich mit einer Statue von Onkel Ho im Park davor. Ein Wiedervereinigungspalast für ein ehemals geteiltes Land in sozialistischer Optik. Und ein Museum, das den ganzen Schrecken eines Krieges in Fotos zusammenfasst.





Das "War Remnants Museum" war uns bereits nach unseren ersten zwei Tagen in Vietnam von zwei englischen Backpackern empfohlen worden. "Schrecklich schön", sagte Alison damals, "aber nichts für schwache Nerven!"
Die Fotos geben ihr recht. Verkohlten Leichen werden Namen gegeben, missgebildete Föten ausgestellt, Fotos von behinderten Kindern mit Familien- und Leidensgeschichten abgedruckt. Ein Journalist hielt die Erschießung von zwei Jungen in einem Reisfeld auf, um ein Foto zu machen. Als er sich umdrehte, hörte er zwei Schüsse. Die letzten Fotografien von Kriegsreportern, bevor ihr eigener Helikopter abstürzte, sie tödlich getroffen, ermordet, verschleppt oder eingekerkert wurden. Oder einfach verschwanden. Fotos von entlaubten Mangrovenwäldern, mit Kindern, die auf dem verseuchten Boden spielen. Fotos von den gleichen Kindern, 25 Jahre später, nur Haut und Knochen, mit seltsam verbogenen Gliedmaßen, die typischen Symptome. Ein Mann, dessen Nase von einem Tumor auf Elefantenrüsselgröße aufgebläht ist. Ein Baby ohne Augäpfel. Der bodenlos verzweifelte Blick eines dreck- und blutverschmierten Soldaten.
Mir dämmert, dass die steppenartigen Gefilde mal tiefer Dschungel waren, die wir auf der Zugfahrt gesehen haben.

Etwas mitgenommen waren wir nach dieser Zeitreise, die in ihrer Schrecklichkeit so schön war, dass wir zwei Tage brauchten, um uns durch das ganze Museum zu kämpfen. Dennoch hatte Saigon auch sehr schöne und fröhliche Seiten. Ein Markthaus mit wahnsinnig engen Gängen und wahnsinnig überfrachteten Ständen, in denen man sich darum riss, Nico die schönsten und günstigsten Unterhosen Vietnams aufzuquatschen. Ein Restaurant mit sterne-würdigem Essen in einem kerzenerleuchteten stillen Hinterhof. Ein Luxus-Restaurant auf einem Wolkenkratzer, das uns auch ohne Essenfassen auf ihre Terrasse ließ um die Aussicht genießen zu können. Eine ganze Straße voller niedlicher Antiquitätenläden, die zu Nicos Entzücken auch Edelsteine verkaufen, oder zumindest das, was sie dafür halten.




Und dann heißt es schon wieder Sachen packen. Diesmal endgültig. Schon vorbei war die Reise, für die wir am Anfang gefühlt doch soviel Zeit hatten. Aber immerhin: Wir waren die komplette Küste Vietnams von Nord nach Süd im Zug hinuntergefahren und haben damit bis auf eine Ausnahme alle Zugstrecken Vietnams bereist. Einiges sehr touristisches war auf unserer Route, aber auch vieles, was nicht zu jeder Standard-Vietnamreise gehört. Was ich allerdings trotz ausgiebiger Recherche noch nicht ergründen konnte, ist die Sache mit dem Mundschutz. Warum tragen vietnamesische Frauen bloß ständig einen Stoff-Mundschutz? Um sich vor Staub und Dreck zu schützen, so war meine Vermutung. Dummerweise werden die Stoffdinger auch auf dem platten Land, fernab aller Feinstaubquellen fleißig getragen, und nicht nur im dichten Straßenverkehr von Hanoi und Saigon. Ein australischer Hostelbesitzer verriet mir, das sei um sich vor der Sonne zu schützen. Unpraktischerweise ist es hier schließlich "in", möglichst weiß zu sein, während es bei uns im sonnenarmen Nordeuropa als gutaussehend gilt, wenn die Haut möglichst braungebrannt ist. Doch auch in Innenräumen und Zugabteilen wird gerne und häufig auf die Maske zurückgegriffen, sogar in Nachtzügen, wo nun wirklich keine Gefahr besteht, übermäßig braun zu werden. Oder liegt es am Geruch?
Zu meiner Fassungslosigkeit griff eine Vietnamesin, die uns in einem Zug gegenüber saß, in Ermangelung einer Stoffmaske auf das erste zurück, was sie in ihrer Tasche fand: Brot. So saß sie da mit ihrem Stück Baguette, das sie fleißig vor ihre Nase hielt und ich schnüffelte vorsichtig an mir und Nico, ob wir vielleicht Schuld an diesem merkwürdigen Verhalten sein könnten. Fehlanzeige. Später rollte sie sich für ein Nickerchen auf zwei Sitzen zusammen, weiter mit dem Brot vor der Nase. Im Schlaf fiel es ein paar Mal herunter, wurde aber jeweils gleich wieder aufgesammelt, sauber abgeputzt und auf seinen Nasenplatz zurückgesetzt.
Kulturunterschiede sind etwas sehr merkwürdiges...

Nun bin ich also wieder zuhause, zusammen mit einem blöden Schnupfen, den ich der Kombination aus frostiger Klimaanlage und eisigen 8 Stunden Aufenthalt am arktischen Dubaier Flughafen zu verdanken habe. Ein bisschen traurig, dass die Reise nicht länger sein konnte, aber auch froh, Familie und Freunde wiederzusehen. Glücklich, den Reis auch mal gegen Nudeln, Kartoffeln oder Brot eintauschen zu können und um viele schöne Erfahrungen und Erlebnisse reicher. Nur wenige Tage noch bis ich Deutschland wieder den Rücken kehren werde - diesmal aber für ein weniger weit entferntes Reiseziel, denn Zürich in der schönen Schweiz wird mein nächster Studienort.

Ich danke allen fleißigen Lesern für euer kontinuierliches Schmökern und hoffe euch auf der nächsten Reise auf diesem Blog zu neuen Abenteuern begrüßen zu können! Das Globuswandeln hat so schnell kein Ende... daher: Bis bald!