Montag, 27. August 2012

Hue, Hoi An und das Paradies

Mit dem ersten Zug des Tages machten wir uns auf den Weg nach Hue, einer Stadt, die als das intellektuelle Herz Vietnams bezeichnet wird. Fasziniert stellte ich beim Blick aus dem Fenster fest, dass Vietnam von hier aus gen Süden deutlich trockener wird. Gar nicht mehr soviele Wasserpfützen, kaum noch Felder, die an Seen erinnern und wow – ist das etwa ein Fleck mit Sand? Reinem weißen Sand? Tatsache, nicht zu fassen. Statt Wasserspinat wachsen hier auch mal Kautschukbäume, statt Reis auch mal Maniok, statt Seerosen auch mal bunte Blumen auf dem Trockenen. Auf weiten, fast steppenartig anmutenden Wiesen sieht man mal immer wieder runde und ovale Löcher – Bombenkrater, herrührend von den Millionen Tonnen Munition, die auf vietnamesischem Boden landete und alles in Schutt und Asche legte, in einer Masse, die alles übertrifft, was im zweiten Weltkrieg in ganz Europa abgeworfen wurde.

Hue war heiß. Sehr heiß. 37°C wurde gemunkelt, bei altbekannten Luftfeuchtigkeitswerten. So heiß, dass man nur von Schatten zu Schatten huscht und sofort einen Fächer von einem der Fächerverkäufer kaufen würde, wenn sie denn mal da wären, wenn man sie braucht und nicht immer nur dann, wenn es gerade ganz gut auszuhalten ist. Nachdem unser ehrgeiziges Unterfangen an neues Bargeld zu kommen ein glückliches Ende gefunden hatte, ließen wir Hue erstmal Hue sein und chillten bei der coolen Klimaanlage in unserem Zimmer ein bisschen ab. Erst als die größte Hitze vorbei war, wagten wir uns wieder hinaus und konnten Hues berühmte Zitadelle aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nur von außen anschauen. Die liegt versteckt hinter bombastischen Stadtmauern und ihr innerster Teil heißt „Die verbotene Purpurstadt“. Was sich hinter diesem märchenhaften Namen verbirgt, bleibt also weiterhin erstmal unserer Fantasie überlassen.


In der Abenddämmerung fanden wir einen idyllischen Platz direkt am Parfümfluss, der sich durch Hue schlängelt und genossen bei einem frischen Saft die Aussicht auf den breiten Fluss, die brummende Stadt und zwei Brücken, über die sich eine nie enden wollende Karawane von Motorrädern wälzte. Das war solange idyllisch bis – WUMMTA, UTZ, UTZ – an einem der umliegenden Straßenstände das Bedürfnis nach Disco sehr groß wurde. Auf vietnamesisch natürlich. Wie alle Asiaten (zumindest gefühlt), lieben die Vietnamesen schnulzigen und peppig-elektronischen Pop und auch Sachen wie Modern Talking stehen hoch im Kurs.



Die Zeit rennt und rennt und rennt uns davon. Ständig muss man Sachen von seinem Reiseplan streichen und aussortieren und hat immer noch zu wenig und will doch auch nicht hetzen und trotzdem etwas sehen. Die Kaisergräber in Hue mussten dran glauben, denn am nächsten Tag ging es bereits weiter nach Hoi An. Und nein, weil die Zeit so knapp ist, lässt sich Nico keinen Anzug schneidern und ich mir kein Kleid. Auch wenn das hier eigentlich alle machen und Hoi An das Zentrum aller Schneider und aller Kleider und aller Seide ist.

Hoi An ist klein und bunt und vor allem alt – wie durch ein Wunder ist es quasi die einzige vietnamesische Stadt, die während des Vietnamkriegs nicht völlig ausgebombt wurde. Ein paar wenige Straßen bilden das Stadtzentrum, sehr idyllisch an einem Fluss gelegenen und überquellend mit Klamottenläden, Souvenirgeschäften, Restaurants und kleinen Cafés. Nachdem Nico seine über alles geliebten Flipflops in Indonesien verloren hatte, kam er hier in den Genuss von maßgeschneidertem Ersatz – dafür reichte die Zeit dann doch. Auch ich war ein, zwei, fix doch im Besitz zweier Sommerkleider, wenn auch von der Stange. Endlich fand sich auch ein Fächermensch zur richtigen Zeit am richtigen Ort und so zog ich fortan fröhlich fächernd durch die Stadt. Abends saßen wir bei Bier und leckerem vietnamesischen Essen am Fluss und beobachteten die schwimmenden Teelichter, die von Touristen gekauft und ausgesetzt den Fluss hinuntertrieben. Von Hoi An sind es nur wenige Kilometer zu Strand und Meer, was wir am nächsten Tag mit geliehenen Fahrrädern ausnutzten. Ein herrlicher Sandstrand erwartete uns, erstaunlich ruhig für einen Stadtstrand, mit dem einzigen Nachteil, dass man aufgrund des Windes ziemlich gesandstrahlt wurde. Das dem Peeling folgende Salzbad in unglaublich warmem Wasser machte die Kosmetiksession komplett, abgerundet wurde das ganze durch einen ersten Hauch Ganzkörperbräune – es war schließlich unser erster Besuch am Strand!

Nha Trang war unser nächster Halt oder vielmehr der nächste Halt unseres Zugs. Uns hielt hier nichts, denn Nha Trang hat den Ruf des vietnamesischen Ballermanns und darauf hatten wir, oh Wunder, eher wenig Lust. Wenn man die Wahl hat zwischen Nha Trang und dem Paradies, mal ehrlich, wer nimmt dann mit schlechter Musik, billigem Fusel und grölenden Menschen vorlieb?

Das Paradies? Ja, wir haben das Paradies gefunden. Das Paradies liegt 60 km nördlich von Nha Trang an einem kilometerlangen weißen Sandstrand, dessen eines Ende in einem kleinen Örtchen endet, das andere an ein paar Felsen, die sich gut zum Schnorcheln eignen. Das Meer ist türkisblau und glasklar und kleine Wellen schwappen in regelmäßigen Abständen an den Strand. Zwischen lauter Palmen stehen kleine Bambushütten mit etwas löchrigen Dächern, unser Bett steht gar nur notdürftig mit einer Plane überdacht unter freiem Himmel. Aber weil es bis zur Abreise nicht regnet, macht das nichts. Im Paradies ist das Wetter nämlich meistens gut. Sonnig und warm. Sehr sonnig und warm. Fast schon zu sonnig und warm. Der Strandsand ist so heiß, dass man nur in Flipflops drüberlaufen kann und selbst das wird ziemlich mollig von unten. In die Sonne legen tut man sich lieber nicht (außer ein paar verrückten Engländern), stattdessen sucht man sich ein schattiges Plätzchen unter einem Bambusschattenspender. Im Paradies gammelt man den ganzen Tag am Strand rum und wenn man nicht herumgammelt, dann liest man mal ein Buch. Oder legt sich in die Hängematte. Oder vielleicht lieber doch an den Strand. Eine Runde baden. Weiterlesen. Oh, Buch schon durch, naja, ab ans nächste. Schnorcheln. Hängematte.
Wenn man nachts im Paradies badet, dann leuchtet und glitzert es um dich herum, weil Millionen kleine bioluminiszierende Algen dir Gesellschaft leisten.


Das Paradies hieß "Jungle Beach" und war eine Mischung aus Ferienlager, Hippie-Kommune und Ressort. Das heißt, dass einem für erwähnte rustikale Unterkunft verhältnismäßig viel Geld aus der Tasche gezogen wird und trotzdem alle glücklich sind. Das Paradies ist nämlich ganz und gar konkurrenzlos. Dreimal täglich gibt es Essen und dann sitzen alle 25 Paradiesbewohner zusammen und lachen und klönen und erzählen Reisegeschichten oder schweigen auch einfach mal nur und irgendwann bemerkt jemand, dass das Essen etwas besser und reichlicher sein könnte und alle nicken zustimmend und dann wird die nächste Reisegeschichte ausgepackt. Überlandbusse, Nepalpläne, Reiserouten. Zug versus Bus. Ob Sapa und Halong zu touristisch sind. Kambodscha und Laos. Brennende Regenwälder auf Borneo. Abends sitzen wir am Strand und schlürfen Bier, genießen die Kühle und beobachten die Fischerboote, die mit hellen Lampen versuchen Tintenfische anzulocken. Der Mond ist hell und das Wasser so klar, dass man bauchtief im Wasser stehend noch seine Füße sehen kann.

Das Paradies hat nur einen einzigen Nachteil: Nach drei Tagen muss man weiter. Schnüff. Seufz. Sachen packen. Auf geht’s.

Mittwoch, 22. August 2012

Dschungel und Höhlen

Ein allerletztes Mal. Ein allerallerletztes Mal wollten wir versuchen mithilfe des organisierten Touristensystems etwas abseits des organisierten Touristensystems zu reisen. Eine letzte Chance, sonst – so hatten wir geschworen – würden wir hier nie wieder eine Tour buchen. So entschlossen, hockten wir im frühmorgendlichen Halbdunkel vor dem Büro einer Agentur in Hanoi, frisch eingetrudelt mit dem Nachtzug aus Sapa, der uns um halb 5 Uhr am Bahnhof abgesetzt hatte. Um uns herum erwachte langsam die Stadt. Die Vietnamesen sind wahre Frühaufsteher und morgens sprießen an allen Straßenecken und -enden plötzlich kleine Straßencafés aus dem Boden, aufgebaut aus ein paar klitzekleinen Plastikstühlen und -tischchen. Es duftete nach Phó, der typischen Nudelsuppe, die gern zum Frühstück verspeist wird, und nach Kaffee. Frauen trugen riesige geschulterte Körbe mit Obst und Gemüse die Straßen entlang und es wurde fleißig gehandelt und getratscht und diskutiert und über uralte Handwaagen abgewogen und erneut diskutiert. Manchmal setzte man sich einfach mit unterschiedlichen Waren zusammen und vergrößerte so sein Angebot: Die Frau mit den frisch gerupften Hühnchen hockte neben der Frau mit zwei riesigen Körben Gemüse und die Frau mit den befruchteten Enteneiern (hier eine Delikatesse!) verhalf der Nudelsuppe des angrenzenden Straßencafés zur Perfektion. Die Zeitungsfrau hockte sich dazu und schlürfte einen Kaffee und teilte erst weiter Zeitungen aus, nachdem sie sie samt und sonders selber gelesen hatte. Zwei Männer von der Müllabfuhr schoben einen großen Müllcontainer und sammelten die Müllhäufchen ein, die die Anwohner vorher penibel auf ihren Bürgersteigen zusammengefegt hatten. Auch unser Frühstück stammte von einem Straßenstand: Leckere kleine Baguettes, wahrscheinlich ein Überbleibsel aus der französischen Kolonialzeit, gefüllt mit Omelette, Zwiebel, Minze und ein bisschen Fleisch.

Als die Sonne längst aufgegangen war, trafen wir unsere restliche Reisgruppe: Ein Ehepaar aus Stuttgart mit ihrer 15-jährigen Tochter Carla, und zusammen ging es zum Cuc Phuong National Park über viele staubige Straßen mit vielen verrückten Busfahrern. Um den Primaten- und Affenmangel aus Indonesien auszugleichen, besuchten wir zuerst ein Primatenzentrum, in dem aus Gefangenschaft und Wilderei befreite Primaten wieder aufgepäppelt und weitergezüchtet werden, um sie eines Tages wieder in die freie Wildbahn zu entlassen. 


Nachmittags wanderten wir durch den dichten Dschungel des Parks und entdeckten allerhand an Krabbeltieren: Ein kunterbunter Hundertfüßler, Spinnen, so groß wie ein Handteller mit langen Beinen (das freute besonders Carla mit ihrer Spinnenphobie!) und Schmetterlinge mit der gefühlten Spannbreite eines Unterarms. Nachdem Carla sichergestellt hatte, dass keine einzige Spinne mehr in ihrem Zimmer war, saßen wir abends Karten spielend und Bierchen schlürfend auf der Terrasse unserer direkt im Nationalpark gelegenen Herberge und lauschten den Dschungelgeräuschen – dank Stromausfall bei Kerzenschein, was das ganze besonders gemütlich machte.

Am nächsten Tag bekamen wir Verstärkung von zwei Spaniern und machten gemeinsam eine Fahrradtour mit den am fürchterlichst eingestellten Fahrrädern der Welt (Ich vermiss mein Fahrrad!!). Über viele Sandwege und durch kleine Dörfer ging es bis zu einem Berg, dessen Gipfel eine kleine Pagode schmückte. 500 Stufen führten hinauf, in Stufenhöhen, die latent eher für 3m-Menschen gemacht waren – wieso bauten die kleinen Vietnamesen bloß so hohe Stufen?? Bei 34°C und 96% Luftfeuchtigkeit (später dann auch 100%) war die Krabbelei zur Spitze ein anstrengendes Unterfangen, bei dem man ungefähr genauso nass hinterher war, als hätte man gerade gebadet (nur weniger frisch). Besonders schön ist es, wenn das Salz auf der Haut zu kleinen krümeligen Kristallen anwächst, die dank der Schicht aus Sonnencreme richtig schön an der Haut kleben...


Später ließen wir uns per Ruderboot durch die Grotten von Trang An paddeln, ein Gewirr von unter Wasser stehenden langgestreckten Höhlen, die mehrere kleine Seen und Flüsschen verbinden. Auch der nächste Tag wartete mit mehreren Bootstouren auf, unter anderem zu den sogenannten „floating Villages“, Dorfgemeinschaften, die früher mehr oder weniger ausschließlich aus bewohnten Bootskolonien bestanden. Inzwischen wohnen die meisten in festen Häusern an Land, aber da drumherum alles unter Wasser steht, findet das meiste Leben auf dem Wasser statt (inklusive Fernsehgucken, siehe Foto unten). Der durch das Dorf fließende Fluss ist gleichzeitig Bürgersteig, Straße, Marktplatz, Waschanlage und Hafen, was sehr faszinierend anzusehen ist. 



Überhaupt Wasser! Manchmal scheint es mir, dass ganz Vietnam nur aus Wasser besteht! Überall wo es seichte Wasserflächen gibt, wird Reis angebaut und durch die Reisfelder ziehen sich lange Lehmdämme über die man trockenen Fußes marschieren kann. An etwas tieferen Stellen wird Wasserspinat geerntet und Seerosen, die als Viehfutter zu Bündeln zusammengeschnürt werden. Überall angeln und fischen die Menschen oder sammeln Wasserschnecken vom Untergrund. Sogar die Rinder liegen hier im Wasser: Für Wasserbüffel gibt es nichts schöneres als sich in halbtiefen Pfützen zu suhlen.


Nach Ende unserer sehr gelungenen Tour (die letzte Chance hat sich gelohnt!) ließen wir uns in Ninh Binh (gesprochen Ning Bing) absetzen, einer industriell geprägten Provinzstadt, die für Einheimische deutlich interessanter ist als für Touristen. Wir schlenderten über einen riesigen Markt, wo einfach alles verkauft wurde: Gemüse, Obst, alles erdenkliche an Kräutern und Gewürzen in flachen runden Körben von enormem Durchmesser und eine große Auswahl an Fleisch, Fisch und anderem Meeresgetier, sowie Schnecken und Muscheln. Da sich bei den hohen Temperaturen und den eingeschränkten Kühlmöglichkeiten nichts besonders lange hält, wird alles lebendige möglichst lange am Leben gelassen und so schwammen die Fische dicht an dicht in riesigen Wannen, die Krebse krabbelten durch ihre Schüssel und stapelten sich übereinander bis sie fast den Schüsselrand erreichten und die Enten waren der makaberen Situation ausgesetzt, dass sie mit zusammengebundenen Füßen auf dem Boden sitzend auf ihren kopflosen gerupften Artgenossen guckten, der auf einem Tablett präsentiert wurde.

Von Ninh Binh reisten wir mit dem Zug bis nach Dong Hoi, wo wir von einem Jeep eingesammelt und zu unserer nächsten Unterkunft gebracht wurden: Phong Nha Farmstay, ein kleines Guesthouse mitten im Nirgendwo mit vielen Backpackern und ganz weit weg vom Trubel. Ganz in der Nähe befand sich der Phong Nha Ke-Ba Nationalpark mit der größten Höhle der Welt. Da diese leider noch nicht begehbar ist (sie wurde erst 2009 entdeckt), mussten wir mit der kleineren Phong Nha Höhle vorlieb nehmen, die aber ebenfalls beeindruckend schön war. Riesige Stalagtiten hingen wie riesige Zähne von der Decke und waren namensgebend für die Höhle, deren Namen übersetzt „Drachenhöhle“ heißt. Stalagmiten reckten sich ihnen entgegen und das von der Decke tropfende Gemisch aus Kalk und Sand formte riesige Gebilde, von denen manche an Tropfsandburgen am Strand erinnerten, während andere eher nach Korallenriffen und schwarzen Rauchern aus der Tiefsee aussahen. Während des amerikanischen Kriegs versteckten die Vietnamesen eine schwimmende Brücke tagsüber in der Höhle und holten sie nachts hervor, um den Warentransport über den Fluss zu ermöglichen. Den Amerikanern war lange nicht klar, wie zur Hölle durch dieses unwegsame Karstgebiet immer noch Nachschub gelingen konnte bis sie auf die Idee kamen mit Raketen das ganze Tal zu erhellen und Fotos zu schießen. Dabei entdeckten sie die Höhle mit der Brücke und sandten prompt ein paar Raketen gen Höhlenmündung, bei denen ein paar Drachenzähne dran glauben mussten. Nicht alle trafen die Höhlenöffnung und so kann man heute noch viele Einschlagskrater im umliegenden Gestein sehen.


Viel zu schnell war die Zeit in diesem abgelegenen Teil Vietnams vorbei, wo man als Weißer noch winkend und mit „Hello“-Rufen im Dorf von den Kindern empfangen wird. Während unserer Radtour zur Höhle trafen wir auf eine Horde Kinder, die gerade Schulschluss hatten und nun nach Hause radelten. Während einige sich kurzerhand anhaltermäßig bei Nico auf den Gepäckträger setzten und ein Stück mitfuhren, waren anderen ganz erpicht darauf, uns in einem Wettrennen abzuhängen. Viel Gelächter, Gewinke, Gekreisch und noch mehr „hello“ und ein paar mal „where you from?“, altbekannt aber ohne angebotenen Trödelkrimskrams, den niemand braucht. Das Leben ist schön, Vietnam erst recht.


Samstag, 18. August 2012

Where you from?

Where you from? Where you from? Buy from me!“, schallte es aus 25 Mündern und 25 Paar Hände voller geknüpfter Freundschaftsbändchen, billiger Blechohrringe und Armreifen, bunten Haarbändern und bestickten Taschen reckten sich uns entgegen. Die vier spanischen Frauen, die zu unserer Wandertruppe gehörten, zeigten etwas ratlos auf ihre Arme, an denen jeweils schon vier Bändchen und ein Armreif baumelte – aber diese Ausrede zog nicht. Wer sich zu vier Freundschaftsbändchen hat gequatschen lassen, der kauft bestimmt noch ein fünftes und so erschallte der Chor von neuem: „Buy from me, buy from me!“

So hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt. Wer nach Sapa kommt, der macht in 90% aller Fälle eine Tour mit, die durch die Dörfer der örtlichen Minderheiten führt, z.B. die der H'mong und der Roten Dzao und einen „Homestay“ beinhaltet, also die Übernachtung bei einer einheimischen Familie. Weil das interessant klang und soviele begeisterte Menschen ja nicht irren können, machten wir also das gleiche und wurden morgens von einer fröhlichen Gruppe Mädels in schwarzen Trachten eingesammelt, die allesamt halb so groß waren wie ich. Aufgrund latent bruchstückhafter Englischkenntnisse auf der einen und fehlender Vietnamesisch- und H'mongkenntnisse auf der anderen Seite verlief der Kontakt zu unserer Reiseführergruppe meist nach dem immergleichen Schema:
Where you from?“ (Where you from scheint in Sapa eine ähnliche Begrüßungsformel zu sein wie How are you in den USA.)
I'm from Germany!“
Ooooh... what you name?“
I'm Julie and this is Nico. And what's yours?“
#*#*#* (unaussprechliches Geräusch)
Irritierte Pause unsererseits. Dann: „Mmh, that is very complicated.“ (Wort eh schon wieder vergessen.)
How old you?“
Ich: „I'm 23.“
Nico: „I'm 26.“
Beide: „And you?“
(Setze beliebige Zahl zwischen 11 und 56 ein)


Von Sapa führte die Tour bergab, aus dem malerisch am Berghang gelegenen Städtchen mit dem Charme eines Bergkurorts heraus und entlang einer geteerten Straße an Marmorfelsen vorbei. Irgendwann führt der Weg dann Gott sei Dank nicht mehr an der Hauptstraße entlang, sondern entlang von lehmigen Pfaden und Wegen, die sich durch die Reisterrassen schlängeln. Während im Rest des Landes überwiegend zweimal im Jahr Reis geerntet werden kann und im fruchtbaren Süden sogar eine dreifache Ernte möglich ist, gibt die bergige Region und das angenehm kühle Klima hier in der nördlichen Bergregion nur eine einzige Reisernte her und die Felder standen noch in voller Frucht. Je nach Reissorte erschien das Meer von Reishalmen von oben gesehen eher gelbgrünlich oder leuchtend satt grün und rund um uns herum gluckste das Wasser, das von den Bergbächen abgezweigt und mit kleinen Lehmwällen über die Felder geleitet wird. 




In regelmäßigen Abständen standen am Weg Stände mit Erfrischungsgetränken, Snacks und Souvenirs und wo immer die Wandergruppe zum Lunchen hingeführt wurde, wurde sie sofort von einer Horde Trachtenmädchen empfangen, die die immer gleichen Sachen verkaufen wollten und von denen die Hälfte eher die Schulbank drücken sollte als Touristen Sachen anzudrehen, die sie eh nicht haben wollten. Am Nachmittag erreichten wir unseren Homestay – da die Anzahl der Dorffamilien allerdings gering ist im Vergleich zur anströmenden Tourimenge, wurde kurzerhand ein zusätzliches Haus gebaut, das jede Menge dünner Matratzen und Toilette und Dusche mit warmem und kaltem Wasser beherbergte und auch sonst nichts an westlichem Komfort missen ließ. Außerordentlich typisch und echt also. Nach einem herrlich erfrischendem Bad im Sonnenschein diskutierten Nico und ich bei einem Bierchen, warum uns das Reisen in Vietnam trotz aller Landesschönheit bisher noch nicht so vom Hocker gerissen hat.

Vietnam ist unglaublich touristisch und die Massen an Touristen verteilen sich leider nicht, sondern werden in immer gleichen Bahnen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gelotst. Drumherum ist ein ausgefeiltes System an Reiseagenturen und -büros installiert, die einen mehr die anderen weniger dubios, die diese Lotserei übernehmen. Auf eigene Faust ist es schwierig von dieser Massenwanderung wegzukommen, einerseits weil man Highlights wie die Halong-Bucht natürlich auch gern sehen möchte, andererseits weil die einheimischen Strukturen abseits der Touriwege schwierig zu benutzen sind. Natürlich gibt es normale Busse, diese fahren aber zu Zeiten, die man von nicht-englischsprachigen Menschen erfragen muss, genauso wie ihre Routen, die sich gerne ändern. Hinweisschilder und Richtungsweiser sind ähnlich rar wie angeschnallte Autofahrer. Es gibt Autos, aber Nicht-Vietnamesen dürfen hier nicht Auto fahren und Taxifahrer versuchen gerne, einen über den Tisch zu ziehen. Man kann Motorräder mieten, muss aber höllisch auf den Verkehr aufpassen, denn Verkehrsregeln gibt es hier schlichtweg nicht. Es hat einfach derjenige Vorfahrt, der am lautesten hupt und am wenigsten so aussieht, als würde er noch anhalten können. Im Vergleich zu Indonesien fahren die Menschen hier seltsam langsam, oft nur 50 km/h auf breiten und gut ausgebauten Straßen, überholen aber wie die Bekloppten und hupen, statt sich umzusehen. In Indonesien war die Hupe zwar auch primär ein Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, aber kein Ersatz fürs Gucken und so kommt es uns so vor, als ob es hier deutlich häufiger Beinah-Unfälle gibt.

Vielleicht, vielleicht haben wir auch einfach noch keine weniger touristischen Gefilde erreicht und es wird alles noch viel angenehmer. Was ja auch gar nicht heißen soll, dass das Reisen hier unangenehm ist. Es ist bloß so anders als das, was wir erwartet hatten, und auch so unterschiedlich vom komplett untouristischen Borneotrip. Ein Kulturschock kann einen anscheinend auch umhauen, wenn er plötzlich seine Richtung ändert!